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Artikel in der Nürnberger Zeitung am 22.03.2012
Siedlung am Nordostbahnhof wandelt sich


Nürnberg - Ein Spaziergang durch die Siedlung am Nordostbahnhof birgt einige Überraschungen. Nicht jedem ist klar, dass er hier bespielsweise auf interessante Architektur der Weimarer Republik stößt. Nürnberg plus und der Verein Geschichte für Alle laden zu einer Entdeckungstour ein.

Wohl nur wenigen Nürnbergern dürfte bewusst sein, dass die Ende der 1920er Jahre entstandene Wohnanlage Nordostbahnhof damals nicht nur das größte Siedlungsprojekt Nürnbergs, sondern eine der größten Siedlungsplanungen Deutschlands war. Errichtet wurde die Siedlung durch die Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Nürnberg (WBG) außerhalb des geschlossenen Stadtgebiets auf der grünen Wiese. Vom Leipziger Platz zog sie sich in Form eines abgestumpften Dreiecks, umgeben von Äckern und Kleingartenanlagen, etwa einen Kilometer in Richtung Osten. Sie endet mit ihrer breiten Seite an der Dresdner und Oedenberger Straße und umfasst einschließlich der Ergänzungen aus der Zeit des Nationalsozialismus und den Jahren nach 1945 etwa 2400 Wohnungen, in denen heute etwa 4000 Menschen leben.

Bei einem Spaziergang durch die Siedlung stößt man nicht nur auf interessante Architektur der Weimarer Republik und die wohl schönste Allee Nürnbergs, sondern auch auf Kunst am Bau, eine Jugendkirche, das von Wohnblöcken umschlossene Theresienkrankenhaus und vieles mehr. Vor allem aber kann man überall die Früchte der großzügigen Investitionen sehen, die im letzten Jahrzehnt durch die WBG und andere Träger in der Siedlung, die sich zum sozialen Brennpunkt entwickelt hatte, erfolgreich getätigt wurden.

Wir beginnen unseren Rundgang an der U-Bahnstation Nordostbahnhof am Leipziger Platz. Nach der Überquerung der Elbinger Straße folgen wir der Leipziger Straße durch die kleine Grünanlage und stoßen nach wenigen Metern auf den Eingang zur Siedlung. Von den beiden die Straße flankierenden Häuserblöcken grüßen eine Frau und ein Mann herab. Die beiden Bauplastiken aus Betonguss im Stil der 1920er Jahre stammen von dem Künstler Wilhelm Nida-Rümelin.

Die Wohnblöcke links und rechts der Straße umschließen große begrünte Innenhöfe, die helle, „besonnte und gut durchlüftete Wohnungen“ ermöglichten – zum Zeitpunkt der Erbauung keine Selbstverständlichkeit. Die gesamte Wohnanlage wird von vierstöckigen Häusern nach außen hin abgeschlossen, im Inneren der Siedlung verfügen die Häuser nur über drei Stockwerke. Die Gesamtplanung lag in den Händen des Architekten und WBG-Geschäftsführer Konrad Sorg. Er hatte die Grundrisstypen der Wohnungen, deren Größe und die Stockwerkshöhen festgelegt.

95 Prozent der Wohnungen verfügten über zwischen 44 und 60 Quadratmeter Wohnfläche, nur fünf Prozent waren etwas größer und hatten zwei Zimmer und zwei Kammern. Alle Wohnungen besaßen eine Küche „mit Austritt“; diese Loggien waren wichtig, um Lebensmittel zu kühlen. In Zeiten des Kühlschranks haben sie ihre Funktion verloren, wurden mit einem Fenster geschlossen und dienen als Speisekammern oder Abstellräume.

Auf dem Weg weiter in die Siedlung hinein fällt die einheitliche und sehr geschlossen wirkende Architektur auf. Diese war möglich geworden, da Sorg die in einem Architekturwettbewerb eingesandten Arbeiten zu einem einheitlichen Bebauungsplan zusammengefasst hatte. Plan- und Bauausführung lagen jedoch in den Händen der einzelnen Architekten, darunter Karl Leubert und Hans Lehr, die zum Beispiel bereits für die Nürnberger Gartenstadt verantwortlich gezeichnet hatten. Um den Einzelhäusern in den Wohnblocks etwas Individualität zu verleihen, waren über den Hauseingängen individuelle Hauszeichen angebracht worden. Einige schöne Beispiele in der typischen Typografie der 1920er Jahre sieht man noch in der Wartburgstraße, einer Querstraße zur Leipziger Straße.

An der Kreuzung Leipziger und Wartburgstraße stoßen wir auf die evangelische Kirche St. Lukas. Seit 1932 hatte an dieser Stelle, die im ursprünglichen Bebauungsplan bereits als potentieller Kirchenstandort ausgewiesen war, eine hölzerne Notkirche gestanden. Der heutige Kirchenbau wurde erst in den Jahren 1961 bis 1963 mit dem hohen First und dem angelehnten wuchtigen Turm durch den Architekten Hans Reissinger errichtet.

Gute vier Jahrzehnte später machte die stark veränderte Bevölkerungszusammensetzung in der Wohnanlage und der daraus resultierende spärliche Gottesdienstbesuch eine neue Nutzung der Kirche notwendig. So ließ das evangelische Dekanat Nürnberg sie im Jahr 2009 zur Jugendkirche LUX umbauen. Mit behutsamen Eingriffen in die Bausubstanz und der neuen „Lux-Box“ zwischen Turm und Kirchengebäude sollte die starke Trennung zwischen Innen- und Außenraum abgebaut werden.

Unser Spaziergang führt uns weiter nach rechts in die Jenaer Straße. Die Parkanlage vor dem Theresienkrankenhaus wurde in den letzten Jahren ebenfalls mit Fördermitteln mit neuem Spielplatz und Sitzgelegenheiten aufgewertet. Ein Schandfleck bleibt jedoch weiterhin der Biergarten der Siedlungsgaststätte.

Das Theresienkrankenhaus blickt bereits auf eine längere Geschichte zurück. Als erstes katholisches Krankenhaus Nürnbergs öffnete es 1928 seine Pforten – im ehemals rein evangelischen Nürnberg waren durch Zuwanderung seit der Industrialisierung inzwischen über dreißig Prozent der Bevölkerung katholischen Glaubens. Die Krankenpflege in dem chirurgischen Belegkrankenhaus, das allen Konfessionen offenstand, übernahmen die Niederbronner Schwestern aus Neumarkt.

Über die Gothaer Straße kommen wir wieder zurück auf die Leipziger Straße, die sich mit ihren alten Platanen als schönste Allee Nürnbergs präsentiert. Die von Anfang an eingeplanten Ladengeschäfte fallen mit ihren zeittypischen vorspringenden Flachdächern auch architektonisch auf: Die ursprünglichen Läden haben die Jahrzehnte jedoch nicht überdauert.

Weiter Richtung Oedenberger Straße hat die WBG zwischen Zwickauer und Plauener Straße einen kompletten Wohnblock abgebrochen. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörten und anschließend in Einfachbauweise wiedererrichteten Häuser werden durch 96 Neubauwohnungen ersetzt. Das Projekt „IQ“ (innovatives Quartier) wird sich aus Denkmalschutzgründen zwar an die umliegenden Altbauten äußerlich anpassen, aber unterschiedlichste moderne Wohnungen für Familien, Senioren oder Studenten bieten – ergänzt durch eine Kinderkrippe, ein Café und einen kleinen Stadtteilplatz. Bereits vor einigen Jahren wurde ein weiteres Projekt der WBG zur Aufwertung des Wohnquartiers realisiert. Auf dem Areal eines ehemaligen Garagenhofes, das wir durch einen Torbogen in Höhe der Leipziger Straße 63 erreichen, wurden 15 Reiheneigenheime mit kleinen Gärten errichtet.

Der Fußgängerweg führt uns nun zur Meißener Straße, der wir nach links folgen. Nach wenigen Metern stoßen wir auf den zentralen Grünzug der Siedlung, der uns zurück zur LUX-Kirche führt.




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